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Vom Glück Medizin zu studieren

Wenn ich mir rückblickend die letzten Semester meines Studiums anschaue, bin ich eigentlich ganz zufrieden mit der Wahl meines Studienfachs. Klar gibt es Vorlesungen, in denen ich fast einschlafe, weil sie so langweilig sind und vor jeder Klausurenwoche möchte ich am liebsten alles hinschmeißen und lieber BWL, Sport oder Soziale Arbeit studieren. Doch die Liste der Gründe, warum man auch langatmige Prüfungen, anspruchsvolle Klausurwochen, „duftende“ Präpariersäle oder ein Jahr Uni mehr als jeder andere Student auf sich nimmt, ist lang.

Auf der anderen Seite ist das Gras nicht grüner

Eine meiner Freundinnen arbeitet in der Qualitätssicherung eines großen Autokonzerns. Ich finde, das klingt erst mal ziemlich spannend. Übersetzt bedeutet das aber, dass sie systematisch die Anlieferer dazu zwingen muss, ihre Arbeit für immer niedrigere Preise anzubieten. Dementsprechend anerkannt ist sie unter ihnen: nämlich so gar nicht. Wenn sie selber ihre Arbeit beschreibt, sagt sie häufig: „Ich gehöre zu den Bösen.“ Ihr Beispiel zeigt also gleich zweifach, warum es so schön ist, Medizin zu studieren.

1. Wir gehören wir zu den Guten.
Unsere Aufgabe ist es, sich damit zu beschäftigen, dass es anderen Menschen besser geht. Dafür bekommen wir unser Geld. Mir fällt kaum ein anderer Berufszweig ein, der ein solches Ziel verfolgt. Das fühlt sich gut an und befriedigt das Helfersyndrom, das irgendwie doch mehr oder weniger in uns allen steckt. Das hat natürlich zur Folge, dass unsere „Kunden“, die Patienten, uns mögen und zufrieden mit uns sind.

2. Wir bekommen Lob und Anerkennung.
Das-Glueck-eines-MedizinstudentenDurch die gute Jobsituation gibt es in den gängigen Fachrichtungen kaum Konkurrenzverhalten. Ganz im Gegenteil: Ob Allgemeinärzte, Anästesisten oder Pathologen, sie alle freuen sich, uns Studenten etwas beibringen zu können, ihr Wissen weitergeben zu dürfen. Wir sind in der Arbeitswelt willkommen und unsere Fortschritte werden von Kollegen wie auch von Patienten gelobt und anerkannt.

Eine andere meiner Freundinnen hat Philosophie, Kunstgeschichte, Theaterwissenschaften und Design studiert. Was sie machen möchte? Sie weiß es auch nicht. Irgendwie kann man damit ja theoretisch alles machen. Aber so ganz passt es auch für keinen Job. Dieses Problem haben wir nicht.

3. Wir haben eine klare Vorstellung vom Beruf, trotzdem stehen uns alle Türen offen.
Das-Glueck-eines-MedizinstudentenIch vermute, es gibt kaum einen Medizinstudenten, der sich am Anfang seines Studiums nicht schon mit weißem Kittel an der Bettkante eines Patienten vorstellen kann. Jeder unserer Mitmenschen hat ein klares Bild vor Augen, wenn er den Begriff „Arzt“ hört – ob es nun der Realität entspricht oder nicht. Der typische Medizinstudent hat ein Ziel vor Augen und trotzdem stehen ihm alle Türen offen. Knapp die Hälfte von uns wird kein praktizierender Arzt, sondern arbeitet in Ämtern oder in der Wirtschaft. Wir können ein Leben lang als Assistenzarzt in den unterschiedlichsten Fachrichtungen ganz nah am Patienten sein oder Professor werden, im Labor stehen und Karriere machen. Und selbst nach Jahren können wir noch unproblematisch umsatteln.

Ein Freund von mir studiert Jura. Als er eines Tages in der Bib sitzt und lernen will, muss er feststellen, dass einige der wichtigsten Seiten des Lehrbuches herausgerissen wurden. Ein Kommilitone dachte sich wohl, er sei umso klüger, je weniger seine Kollegen wissen. Die Situation war für mich absolut absurd.

4. Einer für alle und alle für einen.
Rutscht einem Dozenten in einem Seminar einmal heraus, was man für die Klausur gebrauchen könnte, steht es am Nachmittag schon auf Facebook. Testate werden, trotz der Gefahr, erwischt zu werden und damit all seine Punkte zu verlieren, abfotografiert und als Altprüfungen allen anderen zur Verfügung gestellt. Ich habe von niemandem sonst von einen solchen Zusammenhalt unter den Studenten gehört.

Ein zweiter Freund von mir ist Polizist, ein dritter arbeitet in einer Werft. Bei beiden kann ich mir ganz gut vorstellen, wie ihre Arbeit aussieht. Nach meinem Rechtsmedizinblockpraktikum haben wir uns über die Qualität verschiedener Krimis unterhalten und nach meinem Werftbesuch in Arbeitsmedizin ist mein Respekt vor der Arbeit in diesem Bereich enorm gewachsen.

5. Der Blick hinter die Kulissen.
Das-Glueck-eines-MedizinstudentenKein anderer Beruf erlaubt einem so vielfältige Blicke hinter jede nur denkbare Kulisse. Und kaum ein Beruf arbeitet mit Menschen so unterschiedlichen Berufen zusammen. Doch wir blicken nicht nur hinter Unternehmen und Institutionen. Auch jeder einzelne Mensch, der uns um Rat fragt, lässt uns ein bisschen hinter seine persönlichen Kulissen schauen. Wir sind dabei, wenn der junge Mann die Krebsdiagnose bekommt, wenn die Frau das erste Mal ihr Kind auf dem Bildschirm des Ultraschallgerätes sieht und wenn dem gestandenen LKW-Fahrer die Tränen in seine Augen treten. Die verschiedensten Menschen geben uns Einblicke in ihr Leben – für kurze Zeit oder über Jahre und lassen uns bei sich sein.

Medizin zu studieren ist ein Geschenk

Wir Medizinstudierende haben die Chance, Einblicke in das Mysterium Mensch zu bekommen. Wir dürfen den menschlichen Körper begreifen, versuchen im Präpariersaal und bei stundenlangen Experimenten im Labor die Vorgänge in einem menschlichen Körper zu verstehen und haben doch häufig das Gefühl, dass das nur die Oberfläche ist. Dass die Welt, die es noch zu entdecken gibt, unendlich viel größer ist. Wir dürfen in den Geist eines Menschen eintauchen, wir werden hereingebeten und unser Interesse kann uns Welten öffnen, die jedem anderen verborgen bleiben. Dabei wird nicht von uns verlangt, Polizei oder Richter zu sein, sondern wir dürfen ohne jede Wertung beobachten. Wir bewegen uns im Spannungsfeld zwischen der Breite der medizinischer Fachgebiete und der Tiefe eines jeden medizinischen und menschlichen Problems. Wir sind Partner, Experte und Detektiv, lernen Spuren zu lesen und zu deuten, erfahren, dass wir umso weniger wissen, je mehr wir lernen und erleben, dass wir willkommen sind. Wir lernen, mit anderen Augen durch unsere Welt zu gehen. Das ist das größte Privileg.