Asterix-und-die-Chirurgie

Asterix und die Chirurgie

Um 05:00 Uhr klingelt mein Wecker – solche Uhrzeiten sind absolut nichts für mich. Der Start in mein zweites PJ-Quartal in Heidelberg ist also denkbar schlecht. Um 07:15 Uhr stehe ich dann im Krankenhaus und begebe mich auf die Suche nach Passierschein A38…

Passierschein A38? Dafür brauchen Sie erst das blaue Formular!

An meinem ersten Tag lässt man mich und meine zwei PJ-Kollegen erst mal warten, bis uns nach einer gefühlten Ewigkeit einer der vielbeschäftigten PJ-Beauftragten empfängt und wir uns durch endlose Korridore auf unsere erste Reise durch das Krankenhaus begeben. Den ersten Halt machen wir in der Kleiderkammer. Die resolute Dame macht uns bei der Übergabe unserer Arbeitskleidung direkt und unmissverständlich klar: Für jeden 6 Hosen und 6 Kittel, die Hosenbeine sind umzuschlagen und mit der Kleidung muss absolut sorgsam umgegangen werden. Weiter gehts! Irgendwie fühle ich mich leicht an Asterix und Oberlix erinnert, die sich im “Haus das Verrückte macht” den Passierschein A38 besorgen müssen: Wir unterschreiben viele Zettel, holen beim Hausmeister den Schlüssel und versuchen uns eine Spindnummer zu besorgen (“Nein, dafür sind wir hier nicht zuständig, Sie müssen da schon bei der Spindvergabestelle im dritten Stock nachfragen.” oder “Sie haben keine Bestätigung von der Personalabteilung? Dann können wir Ihnen nicht weiterhelfen.”). Stunden später halte ich tatsächlich den Schlüssel für den OP-Bereich in den Händen und weiß meine Spindnummern für den Umkleideraum in Keller, zu dem man übrigens nur durch ein System von katakombenähnlichen Gängen gelangt…

Ein erster Lichtblick

Nachdem wir unsere bürokratischen Verpflichtungen erfüllt haben, kann es losgehen und ein erster Lichtblick tut sich auf. Ich treffe einen PJ-Kollegen, der seinen Dienst zwei Wochen vor uns angetreten hatte und den ich bereits von einem Studentenjob in einem anderen Krankenhaus kenne. Ich nutze meine Chance und frage ihn ein bisschen über die Arbeit hier aus. Er erklärt mir, dass unsere Hauptaufgaben im Wesentlichen aus Blutentnahmen und OP-Assistenz besteht und wir einen speziellen PJ-Piepser bekommen, um ständig abrufbereit zu sein. “Schlimmer als in der Inneren kann es mit den Blutentnahmen wohl nicht mehr werden“, denke ich. Ein wirklich großer Fehler!

Daily Business

Der Alltag in der Chirurgie ist ziemlich klar geregelt. Jeden Morgen nach der Frühbesprechung müssen wir auf drei Stationen Blut abnehmen und hier oder dort noch eine Braunüle legen. Zum Glück sind wir zu dritt und werden immer ziemlich zügig fertig – vor der Visite um 9:15 Uhr ist sogar noch etwas Zeit für einen Kaffee und Frühstück.

Asterix-und-die-ChirurgieJe nachdem wie aufwändig die Verbände sind, zieht sich die Visite schon mal bis 11:30 Uhr. Dafür bekommt man bei dabei aber recht viel zu sehen: orthopädische Patienten, die eine Knie- oder Hüft-TEP bekommen haben, unfallchirurgische Patienten mit unterschiedlichen Frakturen und komplizierten oder ganz simplen Verbänden, viszeralchirurgische Patienten mit kleinen und ganz großen Narben sowie gefäßchirurgische Patienten mit mehr oder weniger großen Überbleibseln von Beinen und Füßen. Manchmal musste ich mich auch ganz schön überwinden. Beim ersten Madenpäckchen, das ich in eine Wunde setze, wir mir ganz flau im Magen. Einer der älteren Oberarzt erzählte mir lachend, dass man früher – er hat als Chirurg in Sibirien gearbeitet – nekrotisierte Wunden noch mit Pankreasenzymen behandelt hat, welches man von Patienten mit Pankreasfisteln gewonnen hat.

Zum Daily Business gehört es außerdem bei unterschiedlichen OPs zu assistieren. Das bedeutete: Haken oder Beine halten. Wenn man Glück hatte, darf man auch mal einen Schnitt zunähen. Meist assistierten wir bei Hüft-TEPs, ab und zu auch bei einer Knie-TEP, bei gefäßchirurgischen Eingriffen oder Bauch-Eingriffen.

Ein zähes Ende

Asterix-und-die-ChirurgieIn den letzten vier Wochen verließ uns mein “Lieblingskollege” – wir waren also nur noch zu zweit. Das bedeutete für mich (neben dem Verlust eines guten Gesprächpartners) noch mehr Blut, denn mein anderer PJ-Kollege war nicht besonders schnell und verzog sich gerne mal wortlos in den OP. Es gab sogar Tage, an denen ich die Visite verpasste, weil ich von acht bis kurz vor zwölf mit Blutentnahmen beschäftigt war. Teilweise habe ich 50 Patienten am Tag versorgt. Das einzige Highlight an solchen Tagen war das Frühstück mit den Technikern, zu denen ich mich ab sofort immer gesellte. Die halbe Stunde Auszeit mit Nicht-Medizinern tat mir sehr gut, sodass ich auch noch die letzten Tage in der Chirurgie ohne zu große Verzweifelung hinter mich bringen konnte.

Was habe ich im PJ Chirurgie zusammenfassend gelernt? Ich weiß jetzt, wie man anständig Verbände anlegt und wechselt – das ist eine hervorragende Grundlage für die Arbeit in der Hausarztpraxis. Insofern hat es sich gelohnt – trotzdem habe ich um ehrlich zu sein nicht geweint, als ich dem Krankenhaus lebewohl gesagt habe. Es ist einfach definitiv nicht meine Welt. Aber das ist ja auch eine Erkenntnis!