Die-Nacht-der-Chirurgie

Die Nacht der Chirurgie

Ich arbeite gern an Silvester in der Notaufnahme, vor allem die Nachtschichten. Warum auch immer, Weihnachten ist das Fest der internistischen Erkrankungen. Herzinfarkte, Tachyarrhythmien, Pneumonien und sonstige internistische Krankheitsfälle sind fester Bestandteil an den festlichen Tagen – Silvester dagegen ist die Chance, den Chirurgen bei der Arbeit über die Schulter zu schauen…

Als IVD (Internist vom Dienst) beginnt die Nachtschicht um 20:00 Uhr mit einer Übergabe. Wir haben neben der Aufnahmestation auch die vier verschiedenen internistischen Stationen zu betreuen und – nicht zu vergessen – die Notaufnahme. An diesem Abend ist auf den Stationen nicht viel los, sodass ich der ZINA (der Zentrale Interdisziplinären Notaufnahme) gegen 21:00 Uhr den ersten Besuch abstatten kann. Bis jetzt ist eigentlich noch alles ruhig – kleine Schnittwunden an Glasflaschen oder Verbrennungen am Raclette, das wars auch schon. Warum rennen Menschen eigentlich noch mal mit solchen „Kleinigkeiten“ in eine Notaufnahme?

Gegen 22:00 Uhr wird es dann langsam reizvoll. Lektion Nummer 1: Eine Schulterluxation richten! Als Assistenzärztin der Inneren und angehende Hausärztin finde ich solche Fälle immer sehr aufregend. Ich hatte noch nie Gelegenheit eine Schulter einzurenken. Die Chirurgen sind relaxed und haben Zeit mir das Procedere zu erklären – dann darf ich selbst ran. Zum Glück ist immer ein Anästhesist in der Nähe. Die Kurznarkose wirkt und ich manövriere Ort die Schulter wieder in ihre Pfanne. Ehrlich gesagt eine ziemlich schweißtreibende Arbeit, das hätte ich nicht gedacht… .

Die-Nacht-der-ChirurgieSilvester-Lektion Nummer 2: Frage nicht nach dem Warum! Manche Dinge braucht man einfach nicht wissen, sonst fängt man an, an der Menschheit zu zweifeln.  Nach der Schulterlux, geht es mit einem weit verbreiteten Problem weiter. Es gibt zu viele Menschen, die einfach nicht wissen, wie viel Alkohol sie wirklich vertragen. Der Durchschnittswert an diesem Abend liegt bei zwei Promille. Hier wieder ganz wichtig: Frage nicht nach dem Warum!Es gibt Dinge, die muss man hinnehmen. “Alkoholleichen” gehören definitiv dazu. Wenn wir genug Platz haben, dann lassen wir die Patienten in der Notaufnahme meist etwas ausschlafen und ausnüchtern, bevor Sie ihren Heimweg antreten.

Gegen 22:30Uhr wird es wieder chirurgisch. Zwei Anfang 20-Jährige fanden es wohl lustig aufeinander zu zu rennen und die Köpfe aneinander zu schlagen – das Ergebnis: Platzwunden. Aber sowas ist mir ehrlich immer noch lieber als ernste Schlägereien.

Der Countdown läuft: drei, zwei, eins – Mitternacht! Und los gehts: abgerissene Finger und Verbrennungen der Hände von Böllern. Warum? Mutprobe heißt es. Es folgen verstauchte Handgelenke, Verbrennungen verschiedenster Art, Schnittwunden, Gehirnerschütterungen… erst gegen halb fünf wird es ruhiger.

Die-Nacht-der-ChirurgieInternistisch hatte ich diese Nacht bis auf eine Magenverstimmung und eine alkoholinduzierte Pankreatitis nichts zu tun.  Somit war Silvester wie jedes Jahr eine Nacht der Chirurgie. Aus ärztlicher Sicht eine sehr interessante, aus menschlicher Sicht eine sehr fragwürdige. In diesem Sinne: Nachträglich noch ein frohes Neues Jahr 2016, ihr Lieben! Wir dürfen gespannt sein, was uns dieses Jahr erwartet…