Ein-Leben-voller-Erwartungen

Ein Leben voller Erwartungen!

Egal was ist, eine Sache begleitet mich immer. Und ich meine nicht meine Kommilitonen, nicht meinen inneren Schweinehund und nicht den Prometheus – auch wenn all diese Dinge als ständiger Begleiter natürlich durchaus gerechtfertigt sind. Ich trage etwas anderes den ganzen Tag über mit mir durch die Stadt. Und sie sind immer da: morgens wenn ich in den Bus steige, wenn ich in der Vorlesung sitze, von einer Veranstaltung zur nächsten hetze, zu Mittag esse, im Physiologie-Praktikum bin und auch wenn ich abends nach einem mehr oder weniger langen Tag ins Bett falle – Erwartungen.

Ich bin ständig umgeben davon: von Ansprüchen, die andere an mich haben und von Ansprüchen, die ich selbst an mich stelle. Manchmal beschäftigen sie mich mehr, an manchen Tagen auch weniger, aber sie spielen auf jeden Fall immer eine Rolle in meinem Leben.

F & F = Familie und Freunde

Ein-Leben-voller-ErwartungenZum einen gibt es da die Erwartungen meiner Eltern. Sie haben wirklich viel Zeit und Energie in meine Erziehung und mein ganzes bisheriges (und künftiges) Leben gesteckt. Ohne sie wäre das mit dem Studieren ziemlich schwierig geworden. Nicht nur aus finanzieller Hinsicht, sondern auch emotional. Meine Eltern waren immer für mich da und haben mich voll und ganz unterstützt. Hatte ich Probleme, Fragen oder was auch immer, konnte ich stets zu ihnen kommen. Sie sind eine wichtige Stütze in meinem Leben. Für alles, was sie mir gegeben haben, erwarten sie natürlich in gewisser Hinsicht auch etwas von mir und ich habe den Anspruch, ihnen etwas zurückzugeben. Aus mir soll ein guter Mensch werden, der verantwortungsvoll und selbständig ist, der mit seinem Leben etwas anzufangen weiß und nicht die ganze Zeit daheim im Bett liegt, eine Serie nach der andren schaut und ein bisschen “rumchillt”. Seit ich mit dem Medizinstudium begonnen habe, sind die Erwartungen meiner Eltern nicht weniger geworden. Früher in der Schule hatte ich nie Probleme, ich war immer eine der Besten. Im Studium läuft das etwas anders. Meine Eltern haben sich daran noch nicht so ganz gewöhnt, im Hinterkopf sehen sie mich immer noch als Jahrgangsbeste. Langsam merke ich aber, wie sie anfangen umzudenken. Es muss nicht immer eine  1 oder 2 sein. Bestehen reicht manchmal auch schon. Aber natürlich sollte und will ich auch weiterhin anstrengen, damit ich sie nicht enttäusche. Meine Eltern wollen mir seit der Stunde meiner Geburt ein gutes Leben ermöglichen – jetzt habe ich es mehr als jemals zuvor selbst in der Hand, ihnen und natürlich mir selbst diesen Wunsch zu erfüllen.

Und auch meine Freunde, die ich von vor dem Studium kenne, setzen Erwartungen in mich. Die einen, weil sie plötzlich denken, ich könnte im 4. Semester auf den ersten Blick Diagnosen von ihren kleinen Wehwehchen stellen. Im nächsten Atemzug soll ich ihnen dann die entsprechende Behandlung vorschlagen und ein Medikament gegen ihren grippalen Infekt empfehlen. Die anderen erwarten immer noch Topleistungen von mir, wie sie es einfach in der Schule von mir gewohnt waren. Äußere ich meine Bedenken, dass ich eine Klausur nicht bestehen könnte, bekomme ich meist einen Satz zu hören: „Bei DIR habe ich da ÜBERHAUPT keine Bedenken.“ Tja meine Lieben, das war vielleicht mal so, aber jetzt läuft es einfach ein bisschen anders! Das sind Erwartungen, von denen ich mich unter Druck gesetzt fühle. Meistens hab ich die Klausuren aber doch irgendwie bestanden….

Das Studium

Ein-Leben-voller-ErwartungenNatürlich haben auch die Uni, die Profs, die Dozenten und Tutoren Erwartungen an uns Studenten. Wir sollen pünktlich, top vorbereitet, wissbegierig und vernünftig sein und am besten den Stoff für die nächsten drei Semester vorgearbeitet haben. Nicht zu vergessen natürlich das Engagement in diversen AGs, in der Fachschaft, im Studierendenrat, der BVMD, im Marburger Bund und so weiter. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Das Studium mit den ganzen Klausuren, mündlichen Testaten und Referaten sollen wir aber trotzdem so nebenbei locker flockig aus dem Ärmel schütteln. Wir haben ja keine Freizeit, keine Freunde, keine Familie… was war das doch gleich nochmal?

Die Patienten

Ein-Leben-voller-ErwartungenSchon im Krankenpflegepraktikum habe ich gemerkt,  dass die Patienten sehr anspruchsvoll sind. Sie erwarten viel von ihrem Aufenthalt im Krankenhaus. Dazu gehören nicht nur die Behandlung, das Personal (egal ob Praktikant, Putzfrau, Pflegepersonal oder die Ärzteschaft) sondern auch das Zimmer, das Essen, der Service. Für die meisten geht es allerdings vor allem um eines: gesund werden! Deshalb wollen sie den Arzt mit der besten Ausbildung, der im Idealfall allein durch Händeauflegen heilen kann. Dabei soll er stets freundlich und zuvorkommend sein. Gute wäre es auch, wenn man rund um die Uhr, 366 Tage im Jahr für seine Patienten da ist und ihnen zuhört, egal was sie zu sagen haben. Außerdem sollte man als behandelnder Arzt natürlich keine Fehler machen. Alles in allem ziemlich viele Erwartungen an einen Mensch – auch wenn er Arzt ist. Leider können wir die Erwartungen der Patienten nicht immer erfüllen. Manchmal liegt es an an ihnen selbst, teilweise aber auch an unserem Gesundheitssystem.

Last but not least: Myself

Ein-Leben-voller-ErwartungenDie wahrscheinlich schlimmsten Erwartungen sind meine eigenen. Ich will allen irgendwie gerecht werden – meiner Familie, meinen Freunden und dem Studium. Außerdem würde ich mich gern gesünder ernähren und mehr Sport machen. Ab und zu ein gutes Buch zu lesen, in dem keine Wörter aus der Biochemie, Physiologie oder Anatomie auftauchen, wäre auch super. Irgendwann will ich mal noch die ganzen großen Klassiker der Literaturgeschichte lesen, aber für “Krieg und Frieden” oder “Anna Karenina” hab ich zurzeit einfach keine Zeit. Auch in der Uni hab ich mir ambitionierte Ziele gesteckt. Das Physikum bestehen und das am liebsten nicht gerade mit einer 4 (obwohl… 4 gewinnt!).

Eins habe ich gelernt: Man kann einfach nie alle Erwartungen erfüllen. Ich bräuchte einen Zeitumkehrer, wie Hermine in Harry Potter. Allen Erwartungen nachzukommen, das würde mich zerreißen und womöglich in den Burnout stürzen. Ich übertreibe? Definitiv nicht. Schaut euch mal um in eurem Semester um, da gibt es sicherlich ein oder zwei Leute, die dringend eine Pause vom Studium einlegen sollten. Irgendwo muss man eine Linie ziehen, Prioritäten setzen und Abstriche machen. Welche Erwartungen sind realistisch? Welche sind zu hoch? Welche davon sind wirklich wichtig für mich? Dann kann man sich auf das Wesentliche konzentrieren – und das Studium auch einfach mal Studium sein lassen.