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Ein Plädoyer auf die Besinnlichkeit

Auch im Krankenhaus beginnt jetzt die besinnliche Adventszeit. Überall ist es geschmückt und wohin man geht, stehen funkelnde Tannenbäumen. Eigentlich ist das doch schön… trotzdem habe ich alle Jahre wieder  das Gefühl, dass in dieser Zeit aus “besinnlich” ganz schnell “bedrückend” wird. Ich arbeite nun seit drei Jahren in der Klinik und in dieser Vorweihnachtszeit scheint der schwarzgekleidete, knöchrige Typ, der uns Ärzte stets begleitet und gerne mal sabotiert, besonders aktiv. Kommt mir das nur so vor oder sind in der Adventszeit auf allen Stationen die Worte “Krebs im Endstadium” genauso oft zu hören wie “Frohe Weihnachten”?

Alle Jahre wieder

Mein “erstes Weihnachtsfest” habe ich auf der Onkologie verbracht. Hier bekommen täglich viele Menschen Krebsdiagnosen oder gehen von uns – natürlich auch an Weihnachten. Und trotzdem habe ich in der Adventszeit irgendwie mehr Krebsdiagnosen gestellt und Palliativsituationen erlebt. Mehr Hoffnung hatte ich dann in meinem zweiten Jahr auf der Gastroenterologie, aber auch dort war in den vier Wochen vor Heiligabend Hochkonjunktur für den Siegelring- und diffus metastatierte Pankreaskarzinome. Also bin ich dieses Jahr auf die Neurologie geflüchtet. Hier sollte es doch jetzt besser laufen. Aber nein: Glioblastom ist der am häufigsten verwendete Begriff im Dezember.

ein-plaedoyer-auf-die-besinnlichkeitBei Patienten, die ihr langes Leben glücklich gelebt haben, wäre das ja für mich persönlich alles noch akzeptierbar. Aber der Sensenmann scheint derzeit reserviert für den jungen, fitten Familienvater, die Studentin, die gerade so alt ist wie ich, die werdende Großmutter oder die junge Frau, die grade ihr drittes Kind entbunden hat. Ich weiß gar nicht, wie oft ich meine Patienten in diesem Jahre mit dem ehrlichen Rat “Feiern Sie schön Weihnachten, denn ich kann Ihnen nicht sagen, ob Sie noch ein Fest erleben werden” entlassen habe. Und ich weiß schon lange nicht mehr, wie oft ich auf die Fragen “Warum wir? Warum passiert gerade uns das?” geschwiegen habe, weil ich keine Antwort wusste. Natürlich könnte ich gerade jetzt in Aktionismus verfallen und allen noch diese oder jene Therapie aufschwatzen, aber eigentlich wissen wir alle – die Patienten und ich, dass das vergeudete Zeit wäre, die man wahrscheinlich besser bei der Familie verbringt.

Der wahre Sinn…

ein-plaedoyer-auf-die-besinnlichkeitUnd wenn ich in der Vorweihnachtszeit nach Hause komme und meine Familie über Kleinigkeiten nörgeln höre, platzt mir immer wieder der Kragen. UNS geht es wirklich gut, wir sollten dankbar sein und die Zeit genießen, die wir gemeinsam verbringen dürfen! Anderen dagegen geht es besch***, aber wir dagegen klagen fröhlich über die vollen Weihnachtsmärkte und dass es regnet statt schneit. Es ist schon komisch, in was für konträren Welten wir Ärzte uns manchmal bewegen. Meine Familie wird dann oft kleinlaut und auch ein kleines bisschen mehr dankbar, aber schwer ist es für mich trotzdem. Manchmal denke ich, dass wir den wahren Sinn für Weihnachten vergessen haben: nämlich das Leben und die Geburt zu feiern! Scheiß auf diesen Geschenkewahn – seid DANKBAR für das, was ihr habt! Andere müssen gerade auf sehr harte Weise erleben, dass das Leben schneller vorbei sein kann, als man denkt.

Klar ist es auch besinnlich – seit ich im Krankenhaus bin, hat die Adventszeit für mich aber einen ziemlich faden Beigeschmack. Mein Wunsch ist, dass wir alle wieder ein wenig mehr zu dem ursprünglichen Sinn dieser Feiertage zurückfinden. In dem Sinne: frohe Weihnachten!