Empathie-ist-mehr-als-Mitgefühl

Empathie ist mehr als Mitgefühl

“Guten Morgen, Herr Doktor!”, sagt der Patient. “Guten Morgen. Ihnen geht es gut? Schön. Dann bis später”, antwortet der zuständige Arzt bei der Visite. Das ist eine typische Situation, wie ich sie so oft in meinem praktischen Jahr erlebt habe. Man betritt das Patientenzimmer, grüßt kurz und verlässt das Zimmer so schnell wie möglich, um zeitraubende oder unangenehme Fragen zu vermeiden. Alles muss schnell gehen, neue Patienten warten. Die Zeit rennt, die Aufgabenliste wächst.  Leider kommt dabei der achtsame und wertschätzende Umgang mit den Patienten oft viel zu kurz…

In meinem praktischen Jahr habe ich viel gesehen, viel erlebt und viel beobachtet. Keine Frage: Es gibt Ärzte, die gerade zu vorbildlich und sehr empathisch mit ihren Patienten umgehen. Ich habe aber auch Situationen erlebt, die mich sprachlos gemacht haben. Zum Beispiel weil unklare Verdachtsdiagnosen Patienten an einem Freitagnachmittag mitgeteilt worden sind. Die Patienten verbrachten dann das ganze Wochenende damit, sich große Sorgen über ihre möglicherweise schwere Krankheit zu machen. Die Ärzte waren oft knapp und barsch mit den Patienten und konnten sie in stressigen Situationen nicht richtig auffangen. Diese Erlebnisse haben mich sehr bewegt und ich habe mich oft gefragt, wie man die Arzt-Patienten-Beziehung für beide Seiten optimieren kann und warum es eigentlich so wichtig ist, eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen. Empathie ist dafür eine Grundvoraussetzung!

Was ist Empathie?

Empathie-ist-mehr-als-MitgefühlEmpathie ist mehr als Mitgefühl. Es bedeutet nicht nur dauernd freundlich zu nicken und zu lächeln oder ständig tröstend zur Seite zu stehen. Nein, die wichtigste Zutat für Empathie ist Präsenz. Auch wenn es nicht einfach ist, sollte ein Arzt im Umgang mit seinen Patienten die Situationen und Gefühle wahrnehmen, diese ansprechen und auf ihre Richtigkeit hin überprüfen. Wir Mediziner holen den Patienten dort ab, wo er in seiner Befindlichkeit, seiner Freude, seiner Trauer, seiner Angst oder seiner Verzweiflung steht. Gemeinsam mit dem Patienten können wir dann neue Schritte einleiten und neue Therapiewege planen.

Wir Ärzte sind sehr gut medizinisch ausgebildet, aber oftmals mangelt es uns an psychosozialen Kompetenzen. Dabei ist Zuhören, den Patienten ernst nehmen und seine Gefühle teilen, eine wichtige Kernkompetenz im Arztberuf! In Praxen ist die Situation aufgrund des Zeitmangels und der vielen Patienten oft nicht besser als bei der Visite im Krankenhaus. Der einleitende Bericht der Patienten wird in vielen Fällen schon nach wenigen Sekunden unterbrochen, der Arzt ist mit Nebentätigkeiten (wie Computer bedienen) beschäftigt und das Vertrauen kann nicht ausreichend aufgebaut werden. Eine unzureichende “Compliance” der Patienten ist das Resultat dieser mangelnden Kommunikation.

Natürlich muss man auch die unglückliche Situation der Ärzte denken. Sie haben viel Stress, Schlafdefizite, wenig Entspannungsphasen und werden oft selbst von übergeordneten Ärzten oder Mentoren erniedrigend behandelt. Dieser Stress ist ein Empathiekiller und macht es für Ärzte schwierig, immer präsent zu sein und sich ständig die notwendige Zeit zu nehmen.

Empathie-ist-mehr-als-MitgefühlIch weiß: Realität und Idealismus sind im Arztberuf oft schwer zu vereinen! Ein erster Schritt für mehr Empathie wäre es, sie stärker in die medizinische Ausbildung zu integrieren. Nur wenn wir uns bewusst machen, wie wichtig Kommunikation und Heilung sind, können wir ein Umfeld schaffen, das den empathischen Umgang mit Patienten im Ärztealltag auch ermöglicht!