Empathie-Killer

Empathie-Killer

Ich denke schon, dass ich ein empathischer Mensch bin. Sonst könnte ich meinen Beruf nicht ausüben. Sicher mag es Facharztzweige geben, bei denen die Empathie nicht unbedingt ganz oben auf der „Wichtige-Fähigkeiten-für-den-Beruf“-Liste steht. Ich persönlich brauche auch keinen super empathischen Chirurgen, wenn er dafür im OP ein Ass ist. Als Hausarzt sollten wir jedoch ein wenig empathischer sein als unsere Kollegen. Einfach damit unser Beruf zur Berufung wird. Soweit die Theorie: Trotz “Berufung” gibt es aber Momente, Diagnosen und Patienten, bei denen ich merke, dass ich auch nur ein Mensch bin und meine eigene Empathie haushoch versagt…

Versteht mich nicht falsch: Ich versuchen wirklich immer Verständnis aufzubringen, aber in manchen Situationen versagt einfach die kleine innere Stimme in mir, die mir eigentlich Gelassenheit und Einfühlungsvermögen zuflüstern sollte. Ich weiß, dass unsere Patienten krank sind und unsere Hilfe brauchen. Die bekommen Sie natürlich auch – aber manchmal eben nur auf professioneller Ebene. Wir Ärzte erreichen eben auch mal unsere Grenzen. Damit ihr vielleicht besser versteht, was ich meine, möchte ich euch im Folgenden meine persönliche “Hitliste der Empathie-Killer” vorstellen.

Platz 3:  Psychosomatik

Die Psychosomatik ist ein wirklich weites Feld, das habe ich in der Balintgruppe und in psychosomatischer Grundversorgung gelernt. Ich weiß auch, dass jeder Mensch Stress anders verarbeitet und der Erfolgsdruck in der heutigen Zeit immer größer wird. Aber wenn mir eine 21-jährige Patientin mit psychosomatischer Gangstörung über den Weg läuft und mir erzählt, dass sie in ihrer Ausbildung als Kindergärtnerin so viel Stress und Druck hat, bin ich doch ein wenig genervt. Himmel – sie soll später mal unsere Kinder betreuen! Wenn sie jetzt schon im ersten Jahr überfordert ist und sich das Ganze sogar mit körperlichen Symptomen äußert, hat sie dann nicht vielleicht den falschen Berufsweg eingeschlagen? Aber darf ich ihr das als Arzt so sagen? Ich finde, als guter Hausarzt darf und sollte ich das durchaus äußern – immerhin müssen wir der Krankheitsursache nachgehen. Natürlich habe ich sie nach besten Wissen und Gewissen behandelt, aber ich hatte deutlich weniger Geduld als bei anderen Patienten.

Platz 2: Alkoholiker

Keine Frage: Alkohlsucht ist eine Krankheit, die nicht auf die leichte Schulter zu nehmen ist. Eines der schönsten Dinge am Hausarzt-Dasein ist das Vertrauen zwischen mir und meinen Patienten. Das Problem ist: Ich kann ich diesen Patienten einfach nicht vertrauen. Und es ist ja nicht so, dass ich es nicht versucht habe. Vielleicht war ich auch nur zur falschen Zeit am falschen Ort: In der Gastroenterologie habe ich erlebte,  wie es ein Patient geschafft hat, sich in einem Jahr sieben Mal entziehen zu lassen. Und auch beim siebten Mal hat er sich wieder Alkohol besorgt. Vielleicht kann man deshalb verstehen, dass mein Vertrauen irgendwie verloren gegangen ist. Man opfert sich für die Patienten auf und verliert dennoch – das frustriert einfach.

Platz 1: Angehörige

Empathie-KillerJetzt denkt ihr sicher: Wieso Angehörige? Sie gehören doch bei einem Hausarzt zum täglichen Geschäft. Richtig – die “üblichen” Angehörigen meine ich gar nicht. Ich meine die diejenigen, die Dr. Google als kompetenter erachten oder selbst „irgendwas medizinisches“ machen und die Behandlung eigentlich am liebsten gleich selbst übernehmen würden. Auch hier versteht mich nicht falsch: Ich glaube, Angehörige sind sehr wichtig für Hausärzte, auch im Rahmen „erlebter Anamnese“. Aber schlussendlich treffe ich die Entscheidung, wie ich meinen Patienten behandeln will. Denn ich muss am Ende auch dafür gerade stehen, wenn etwas schief geht. Nach dem gefühlt einhundertsten Anruf, ob das denn jetzt wirklich alles sein muss, lässt mein Empathie drastisch nach und meine Frustrationstoleranz sinkt rapide. Aber wie heißt es doch so schön: Lächeln und winken – Männer! Lächeln und winken!

Und die Moral von der Geschicht…

Ich arbeite ständig an mir und meiner Empathie zu arbeiten. Denn ich weiß ich ja genau, dass sie alle krank oder besorgt sind und meine Hilfe brauchen. Das ist übrigens auch mein persönliches Mantra bei solchen Patienten und ihren Angehörigen! In dem Sinne: Lächeln und Winken!