Guten-Morgen-Frau-Doktor

Guten Morgen Frau Doktor

Es ist Mitte Februar. Die Erkältungswelle rollt durchs Ländle. Und was mache ich? Famulatur in einer Hausarztpraxis am Rande der Schwäbischen Alb! Alles kein Zufall, ich bin hier seit vielen Jahren eine äußerst zufriedene Patientin. Und scheinbar nicht nur ich – manche Patienten fahren ganze 45 Kilometer zu meinem Arzt und und dass, obwohl die Versorgung mit Hausärzten in der Region zurzeit noch echt gut ist und die Praxis in einem 280-Seelen-Dorf liegt! Warum die Patienten den langen Weg auch sich nehmen? Weil es sich einfach lohnt…

Meine Famulatur-Praxis besteht aus zwei Sprechzimmern mit Untersuchungsliegen, einem Untersuchungsraum für EKG und Lungenfunktionstest, einem Wartezimmer, einem Bereich zum Blut abnehmen und dem obligatorischen Empfang. Seit rund einem Jahr gehört die Praxis zu einem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ). Das ist einen Zusammenschluss mehrerer Praxen aus verschiedenen Fachbereichen sowie Physiotherapeuten, Sozialstationen und Apotheken. Das MVZ wird vom Landkreis getragen, die Ärzte beziehen ein Festgehalt und müssen kein finanzielles Risiko mit ihrer Praxis eingehen. Eine ziemlich interessante Variante für die Zukunft der ländlichen Versorgung, wie ich finde!

Meine Hausarztpraxis ist eine Zweigpraxis. Das bedeutet: Mit den anderen Praxen sind wir nur über das Computersystem vernetzt. Der Betrieb hat sich seit der Aufnahme in das MVZ sonst nicht geändert. Die Praxis arbeitet bis heute nach dem Prinzip der Bestellpraxis. Die Patienten machen per Telefon einen Termin aus, entweder schon im Voraus oder in dringenden Fällen für den gleichen Tag. Wenn die Patienten einigermaßen pünktlich sind und nicht allzu viel Unvorhergesehenes dazwischen kommt, sind die Wartezeit relativ kurz. Natürlich kommt auch immer mal wieder ein Notfall spontan vorbei. Dann sind die Arzthelferinnen gefragt, die die Patienten so koordinieren,  dass der Arzt nur zwischen den einzelnen Untersuchungszimmern pendeln muss. Und dort beginnt dann die medizinische Versorgung.

Der Praxisalltag

Guten-Morgen-Frau-DoktorDer Tag beginnt für mich um kurz vor 08:00 Uhr morgens. Mein Hausarzt sitzt schon am Schreibtisch. Obwohl die Praxis offiziell um 8.00 Uhr öffnet, werden an manchen Tagen Termine schon früher vergeben. Es geht für mich also direkt zur Sache. Ein Aushang weist die Patienten darauf hin, dass im Moment eine Medizinstudentin (also ich) in der Praxis ihre Famulatur absolviert. Wenn ein Patient nicht damit einverstanden ist, dass ich bei der Behandlung dabei bin, kann er sich am Empfang melden. In den 30 Tagen Famulatur ist das aber nur selten vorgekommen, obwohl ich aus der Gegenstand stamme und jeden dritten Patienten irgendwie kannte. Der Arbeitstag in der Praxis vergeht dann buchstäblich wie im Flug. Was zu trinken oder auf Toilette zu gehen, ist quasi Luxus. Wenn dann noch zwei oder drei Patienten unangemeldet vorbeikommen, muss man schnell auch mal eine Stunde überziehen, um alles abzuarbeiten.

Die Patienten

Guten-Morgen-Frau-DoktorDie Patienten in der Praxis sind zwischen sechs Monaten und 95 Jahren alt. Genauso vielfältig wie die Patienten sind auch die Beratungsanlässe.  Viele Patienten sind seit ihrer Kindheit bei meinem Hausarzt in Behandlung und vertrauen ihm. Die Bindung zwischen ihnen und dem Arzt habe ich ganz oft spüren können. Deshalb ist es auch keine Seltenheit, dass Menschen mit seelischen Problemen in die Praxis kommen. Manche brauchen einfach nur jemanden zum Reden, dem sie ihre Sorgen anvertrauen können, der sie unterstützt und sich um sie kümmert. Da werden auch schnell mal private oder familiäre Probleme zum Gesprächsthema. Was ich hier noch unbedingt erwähnen möchte: Manche Ärzte wären wahrscheinlich schnell ungeduldig geworden oder hätten daran gedacht, dass sie dieses Gespräch nicht abrechnen können. Nicht so mein Hausarzt: Er hat sich immer Zeit für diese Menschen genommen!

Aber nicht nur in Sachen “Arzt-Patienten-Kommunikation” habe ich einiges gelernt. Blut abnehmen kann ich inzwischen relativ gut – obwohl meine ersten Patienten noch an ein Nadelkissen erinnert haben… . Das Blut abnehmen ist in der Praxis übrigens in erster Linie Sache der Arzthelferinnen. Der Arzt hat schlichtweg keine Zeit dafür. Außerdem standen Hausbesuche und eine Leichenschau auf dem Programm.

Mein Fazit

Guten-Morgen-Frau-DoktorWas also lernt man in der Hausarztpraxis? Ganz einfach: Schnell umschalten und Entscheidungen treffen! In jedem Zimmer wartet eine neue Herausforderung, ein neuer Patient, mit dem man anders umgehen und der anders behandelt werden muss. Im einen Zimmer sitzt ein Kind mit Scharlach, dem Antibiotika verschrieben werden soll. Im nächsten Zimmer haben wir eine ältere Frau mit Hüftproblemen. Isteine Operation schon sinnvoll? Oder sollen wir erst mal konservativ behandeln? Danach geht es weiter mit einem 60-Jährigen mit Diabetes Typ II und seinem neuen HbA1c-Wert. Muss die Therapie angepasst werden? Oder bleibt alles beim alten? Der nächste Fall: eine jungen Frau, die sich ziemlich schlapp fühlt. Erkältung? Oder doch etwas anderes? Zwischendurch noch schnell das EKG, die Laborwerte und den Lungenfunktionstest einer 53-jährigen Patientin anschauen. Und schon wartet der nächste Patient mit Rhythmusstörungen und Bluthochdruck auf uns. Und so geht das weiter und immer weiter. Ab und zu dann noch Fäden ziehen und zwischen drin Überweisungen oder Rezepte schreiben – es wird einfach nie langweilig! Gefragt ist immer die volle Konzentration auf den Patienten, der gerade vor einem sitzt – und nicht mehr an die Schwangere mit Kopfweh im Zimmer zuvor zu denken. Für mich ist das am Anfang extrem anstrengend gewesen.

Was man als Allgemeinmediziner braucht? Erfahrung! Erfahrung! Erfahrung! Und das kann man nicht einfach mal so schnell lernen, dafür braucht man Zeit. Etwas, das im Medizinstudium oft zu kurz kommt. Am Ende meiner Famulatur stellt sich natürlich die Frage aller Fragen: Kann ich es mir vorstellen, später als Hausärztin mein Geld zu verdienen? Die Antwort ist einfach: Auf alle Fälle! Denn wenn nicht jetzt, wann dann… ?