Immer-noch-Student-

Immer noch Student…

Neulich in der Bahn: Ich traf auf eine ehemalige Klassenkameradin, die ihr BA-Studium längst abgeschlossen hat und nun schon seit mindestens zwei Jahren in Lohn und Brot steht. „Wie, du studierst immer noch?“, war ihre schnippische Frage auf meine Aussage, dass ich gerade von einem äußerst interessanten Kurs-Nachmittag in der Psychiatrie komme.
Da hatte ich es mal wieder. Ich verkniff mir das, was ich eigentlich sagen wollte, lächelte sie freundlich an und sagte: „Bei uns geht das eben nicht schneller, an den 12 Semestern Regelstudienzeit lässt sich nicht viel ändern und das ist für alle Beteiligten auch gut so. Oder willst du von einem Arzt behandelt werden, der sich sein Wissen hoppla hopp im Schnelldurchlauf angeeignet hat?“ Damit hatte ich ihr ein wenig den Wind aus den Segeln genommen. Allerdings bekomme ich solche Anspielungen in letzter Zeit häufiger zu hören.

Zugegeben, ich studiere nun auch schon im sechsten Jahr. Ich hatte mich vor meinem Medizinstudium an Jura versucht, was aber so ganz und gar nichts für mich war und ich deshalb nach anderthalb Semestern quasi die Notbremse gezogen und einen kompletten Neustart gewagt hatte. Das war im Rückblick eine der besten Entscheidungen, die ich je getroffen habe. Aber ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich trotz aller Leidenschaft für mein Medizinstudium allmählich genug habe von der Uni. Dieses ständige Hin- und Herfahren (45 km einfache Strecke nach Mannheim), die nervige Anwesenheitspflicht, die Tage, an denen ich nach Hause komme und mich das Gefühl beschleicht, einfach gar nichts Sinnvolles mitgenommen zu haben, Vorlesungen, die morgens um viertel nach acht einfach grundlos ausfallen und für die ich um dreiviertel sechs aufstehen muss. Ich will nicht jammern, zumal ich mir das mit dem Pendeln selbst ausgesucht habe, aber es reicht so langsam wirklich.

Immer-noch-Student-Sicher, das Studentenleben hat viele tolle Vorteile, die ich im Moment auch noch in vollen Zügen genieße… wie beispielsweise auch mal unter der Woche auszuschlafen, vormittags ausgiebig joggen zu gehen, doch mal einen Tag frei zu haben oder zu machen, abends meist zu einer zivilisierten Zeit nach Hause zu kommen oder noch nicht allzu viel Verantwortung übernehmen zu müssen. Allerdings freue ich mich auch darauf, wenn ich „richtig“ arbeite, mich und meine Fähigkeiten in der Patientenversorgung mit einbringe und viele neue Erfahrungen sammeln kann. Im November diesen Jahres starte ich ins PJ, was dann schon einmal ein Vorgeschmack aufs spätere Arbeitsleben wird. Es bleibt nur abzuwarten, was ich, wenn es soweit ist, darüber denke und ob ich mir dann nicht das Studentenleben zurückwünsche.

So ist nun auch das neunte Semester fast geschafft. Es war insgesamt ein sehr Abwechslungsreiches mit vielen unterschiedlichen, interessanten Fächern, teilweise mit richtig guter, teilweise mit nicht besonders guter Lehre.

In den ersten Dezemberwochen war mein Blockpraktikum in der Allgemeinmedizin angesagt, worauf ich mich eigentlich schon seit Beginn meines Immer-noch-Student-klinischen Studiums gefreut hatte – mein „Steckenpferd“ quasi. Ich war für die Zeit in einer Einzelpraxis in Mannheim. Für mich eine völlig neue Perspektive, da ich bisher nur in einem ländlicheren Gebiet famuliert und so auch eher die Arbeit in einer Gemeinschaftspraxis zu schätzen gelernt hatte. Im Vergleich zu meiner Famulatur, die mir damals sehr viel Spaß gemacht und viel Wissenszuwachs erbracht hatte, unterschied sich einiges: Das Patientenklientel insgesamt war ein anderes – viele Patienten mit Migrationshintergrund und aufgrund dessen oftmals große sprachliche Barrieren, viele alte, alleinstehende Menschen, noch mehr Berufstätige, die wegen Krankschreibungen kamen und kaum Kinder und Jugendliche. Es gab zwar auch auf längere Zeit angelegte Arzt-Patienten-Beziehungen, größtenteils herrschte aber große Fluktuation in der Patientenkartei. Jeden Tag war mindestens ein Pharmavertreter in der Praxis, was ich bisher in dieser Form auch noch nicht mitbekommen hatte. Insgesamt gab es für mich nicht besonders viel zu tun bzw. ich hatte auch ein wenig den Eindruck, dass mein Lehrarzt teilweise nicht wusste, was er mit mir anfangen sollte bzw. was er mir an Aufgaben geben könnte. Seine MFA fragte mich am ersten Tag (nachdem sie mich innerhalb der ersten Minuten erst einmal gründlich zusammengestaucht hatte, was ich denn da so rumstehen würde), ob ich denn überhaupt schon Blutdruck messen könne. Da fühlte ich mich schon ein wenig in meiner Ehre gekränkt. Insgesamt bekam ich nicht besonders viel zu tun. Ein paar Impfungen, Blutdruck messen und einmal eine Klammernaht entfernen – das war es dann auch. Einen Patienten voruntersuchen oder eine Anamnese alleine erheben, war nicht drin. Mit einer Patientin in einem Altersheim habe ich mich etwas länger beschäftigt, da ich für mein Praktikumsheft ein geriatrisches Assessment durchführen musste. Das war das einzige Patientengespräch, das ich tatsächlich alleine führen konnte. Von meiner Famulatur war ich das ganz anders gewohnt und war dementsprechend „verwöhnt“ mit eigenen Patienten und damit verbundenen Herausforderungen. Trotz allem war mein Blockpraktikum eine Erfahrung mit neuen Erkenntnissen und das ist etwas, was einen ein Stück weiter im (Mediziner-) Leben bringt. Es hätte zwar besser, aber sicher auch schlechter laufen können. Als Nächstes steht bei mir nun die vorletzte vorlesungsfreie Zeit mit einer Famulatur in der Allgemeinchirurgie an. Ich bin schon sehr gespannt… bisher habe ich mich nämlich, muss ich zu meiner Schande gestehen, vor der Chirurgie und dem OP gedrückt. In jedem Fall bin ich aber hochmotiviert, einmal über meinen doch eher internistisch-allgemeinmedizinisch geprägten Tellerrand hinausschauen zu können.