Abschied-nehmen

Jetzt heißt es Abschied nehmen!

Lange habe ich diesem Moment entgegen gefiebert! Nie wieder Pflichtveranstaltungen! Nie wieder unterschreiben müssen! Nie wieder sinnlose Vorlesungen! Nie wieder nervige Praktika! Fünf Jahre sind (fast) vergangen, seit ich im Wintersemester 2010/11 mit meinem Medizinstudium in Mannheim begonnen habe. Damals lag das große Ziel PJ und damit das „fast Arzt sein“ noch in weiter und unvorstellbarer Ferne. Jetzt heißt es Abschied nehmen von meiner Uni und auf zu neuen Ufern: Zehn Semester – das ist eigentlich eine lange Zeit. Obwohl sie mir im Nachhinein doch recht kurz vorkommt – aber lasst uns doch von vorne beginnen!

Vor fünf Jahren schaute man noch als scheuer, kleiner Ersti zu seinen Tutoren aus dem dritten und vierten Semester auf. Die waren ja schon so weit, so erfahren und routiniert! Irgendwann war es dann für mich selbst so weit: das Physikum (nach dem bekanntlich alles besser werden sollte) stand an. Danach fühle man sich schon wie ein großer Student, man war ja inzwischen im klinischen Studienabschnitt angekommen – aber besser wurde es nicht unbedingt. Sicher, das Schlimmste war überstanden, die scheinbar endlosen Lernperioden der Vorklinik waren Vergangenheit, aber viel praktischer und interessanter wurde es größtenteils auch nicht. An manchen Stellen machte sich bisweilen ein gewisser Grad an Resignation breit. Angesichts von Fächern wie Humangenetik, Epidemiologie und Statistik oder der erneut endlosen Lernerei für den MiBi Schein oder die Gesamtscheine Innere und Chirurgie, verlor man manchmal den Glauben an die eigenen Fähigkeiten. Wochenlang habe ich gelernt und in den allseits beliebten Multiple-Choice-Klausuren wurde genau das Kleingedruckte und die Fußnoten abgefragt, die ich mir gerade nicht noch einmal angeschaut hatte. Die körpereigene Festplatte war teilweise so vollgestopft mit unterschiedlichem Wissensfetzen, dass man oft Schwierigkeiten hatte,´grundlegende Dinge und das Basiswissen abrufen zu können. Ist das wirklich Sinn der Sache? Ich konnte nach dem sechsten Semester die Drittlinientherapien für sämtliche Tumorentitäten auswendig, wusste aber nicht, welche Krankheitsbilder nun eher häufig oder eher selten waren. Oder was man einem Patienten mit einem einfachen Atemwegsinfekt raten sollte. Oder welche die gängigsten Antihypertensiva waren.

Abschied-nehmenZwischendurch macht man dann die ersten Famulaturen, schnupperte ein wenig Praxis- und Klinikluft, scheitet im weißen Kittel über die Flure, übt sich im Umgang mit Patienten und hat dann doch endlich das Gefühl, eine gewisse Lernkurve zu haben, die zwar langsam, aber zumindest kontinuierlich anwächst. Ich kann mich noch gut daran erinnern wie schwer mir im letzten Jahr nach fast sechs Wochen gelungener und lehrreicher Famulatur die Rückkehr an die Uni fiel! Und zu diesem Zeitpunkt änderte ich meine Lernstrategie. Da ich seit Beginn meines Studiums weiß, dass die Allgemeinmedizin mein Fach ist, habe ich angefangen, selektiv zu lernen und die Drittlinientherapien und sonstige Spezifitäten, die in den Klausuren abgefragt wurden, ins Kurzeitgedächtnis zu packen und danach einfach mit neuen Fakten zu überschreiben. Ich versuche seitdem mir ein solides Grundlagenwissen anzueignen, das mir später im PJ und dann auch im Berufsalltag als Ausgangsbasis dient und das bei Bedarf ausgebaut werden kann. Mit dieser Strategie spart ich mir einiges an Frustration. Die Medizin ist nun mal ein riesiges Fachgebiet und es ist so gut wie unmöglich, sich ALLES merken zu wollen, was potenziell in einer Klausuren abgefragt werden kann. Seit dieser Erkenntnis lebe ich wesentlich entspannter und zufriedener. Das Schöne an der Medizin ist nämlich auch, dass man dazu angehalten ist, sein Leben lang weiter zu lernen. Mit dem Ende des Studiums und dem Ablegen des zweiten Staatsexamens hat man zwar einen riesen Berg an Lernstoff bewältigt, aber man ist bei weitem noch nicht fertig! Nach der Uni beginnt die Zeit des noch mehr selektiven, eigenständigen und selbstverantwortlichen Lernens. Ich bin schon gespannt, was mich noch erwartet und wie die nächsten Herausforderungen aussehen werden.

Abschied-nehmenNach zehn Semster kann ich sagen: Die Zeit an der Uni war zwar mitunter anstrengend, aber im gleichen Maße auch schön, abwechslungsreich, lehrreich und teilweise auch mit viel Freizeit und langen Semesterferien verbunden. Ich durfte viele tolle Menschen und einzigartige Persönlichkeiten kennen lernen, mit denen ich vom Biochemie-, Physio-, und Histopraktikum bis hin zum Unterricht auf Station und diversen Block- und Notfallpraktika so vieles gemeinsam gemacht und erlebt habe. Wir haben gemeinsam geschwitzt (und das nicht nur über Klausuren), voneinander gelernt, uns gegenseitig unterstützt und auch viel miteinander gelacht. Kameradschaft wird unter Medizinstudenten nach dem, was ich in meinem Studium erlebt habe, ganz groß geschrieben! Ich wusste und weiß das besonders zu schätzen, da ich in meinem erstes Studienfach (Jura!) ganz andere Erfahrungen gemacht habe.

Auch wenn ich nun froh bin, dass dieser Abschnitt meiner Ausbildung nun zu Ende geht und ab November endlich das PJ beginnt, werde ich immer gerne an meine Zeit in unserer alten Brauerei und der im Moment ziemlich skandalträchtigen UMM zurückdenken. Noch zwei fächerübergreifende Prüfungen, dann bin ich endlich scheinfrei und das Examen kann kommen…