Kreuzen-was-das-Zeug-haelt

Kreuzen, was das Zeug hält!

Man fiebert tagelang, monatelang, ja fast sogar jahrelang auf diese paar Tage in seinem Leben hin. Die einen werden immer aufgeregter, je näher das Datum rückt, die anderen verfallen in eine Lethargie und werden fast starr vor Angst. Wieder andere resignieren und schotten sich immer mehr von der Außenwelt ab, je näher das alles entscheidende Datum rückt. Wovon ich spreche? Vom Physikum natürlich – ein echter Mythos im Leben jedes Medizinstudierenden.

Quasi die gesamte Vorklinik richtet sich auf dieses zentrale Ereignis aus. Alles, was man bisher gelernt und gehört hat, wird plötzlich in einer großen Prüfung mit jeder Menger Multiple-Choice-Fragen abgefragt. Der Druck ist enorm, schafft man diese Hürde, ist man im nächsten Semester in der Klinik und darf ganz viel unwichtigen Stoff wieder vergessen. Schafft man es aber nicht… dann ist das zwar schon ein kleines bisschen doof, aber auch kein Weltuntergang. Man darf ja wiederholen.

Die letzten Vorbereitungen
Wenn der Zulassungsbrief zum Physikum mit den genauen Daten und Prüfungsorten endlich in den Briefkasten flattert (oder wenn man ihn bei der Post abholt), dann gibt es kein Zurück mehr. Der Countdown hat begonnen! Es gibt kein Entkommen… . Hatte man am Ende des laufenden Semesters immer noch den Hintergedanken, dass wenn man die letzte Klausur nicht schafft, die ganze bisherige Vorbereitung sowieso umsonst war und man noch ein ganzes Semester mehr Zeit bis zum Physikum hat, so ist es jetzt endgültig. Jeder verschwendete Gedanke daran, ob man auch wirklich alle Bescheinigungen und Formulare beim LPA eingereicht hat, ist vergessen.  Man kann und muss sich jetzt auf den letzten Sprint vor dem Ziel konzentrieren: alles Unwichtige zurückstellen, sich fokussieren und ja nicht aufgeben! Familie, Freunde, Freizeit – was war das nochmal? In den nächsten Wochen (oder Tagen) gilt die ganze Konzentration dem bevorstehenden Examen. Bei manchen mehr, bei anderen vielleicht auch ein bisschen weniger… .

Nur noch wenige Stunden
Kreuzen-was-das-Zeug-haeltUnd dann ist er da, der Tag für den man sich so geführchtet hat. Morgens steht man früh auf und hält seine Morgenroutine penible ein, um ja nicht nervös zu werden. In der Nacht zuvor fällt einem das Schlafen schwer, weil man sich zu viele Gedanken macht. Wohl dem, der in Meditation. In der Hektik und Nervosität noch schnell einen Kaffee, Tee oder was auch immer herunterstürzen. Denn – als hätte man nicht schon genügend andere Sorgen – muss man auch noch irgendwie zu einer kleinen Turnhalle im nächsten beschaulichen Städtchen kommen. Da trifft man dann auf die Anderen. Die Meisten sind natürlich viel zu früh da, tauschen noch schnell allerletzte Details aus. Es könnte ja genau das dran kommen! Bevor man sich versieht, ist die Zeit verflogen und man macht sich langsam ins Innere der heiligen Hallen auf. Dort legt man sich auf seinem zugewiesenen Platz alles zurecht: Radiergummi (aus Plastik – essentiell), Bleistifte (gaaaanz wichtig, unbedingt auf die richtige Art achten und ja genügend dabeihaben, es könnte ja einer verloren gehen oder die Spitze abbrechen), Trinken (egal was, Hauptsache man macht es gemeinsam mit allen anderen zu einem bestimmten Zeitpunkt auf, es könnten ja sonst störende Geräusche auftreten) und Essen (auch egal, es muss halt schmecken und man sollte kein Magengrummeln haben, dies könnte den Nebensitzer vielleicht stören). Das wars auch schon – Glücksbringer gehen leider nicht, die sind nämlich verboten…

Es ist soweit

Kreuzen-was-das-Zeug-haeltUnd dann ist man plötzlich mittendrin! Eigentlich kann man noch gar nicht so richtig fassen, dass da vor einem gerade das erste Staatsexamen liegt. Man fängt an, macht leider keine Kreuze mehr, sondern komische Striche und denkt darüber nach, ob die Farbe der Aufgabenhefte und des Antwortbogens eigentlich gut harmonieren. Manchmal fragt man sich, was die vom IMPP eigentlich genommen haben, um solche komischen Fragen zu stellen. Ein anderes Mal freut man sich total, da man genau diese Frage, dieses Detail erst gestern noch kurz in einem Buch nachgeschlagen hat und zwischendrin geht man vielleicht mal aufs Klo, da die 1,5 Liter Wasser, die man zum Trinken dabei hatte, plötzlich leer sind. Im Endeffekt geht alles sehr schnell vorbei. Man ist sich nicht wirklich bewusst, was da passiert, hat aber immer im Hinterkopf, dass das hier gerade ein entscheidender Schritt in seiner Karriere als Mediziner ist. Am zweiten Tag geht man dann schon etwas gelassener an die Sache heran. Man kommt nur noch eine halbe Stunde zu früh und der Proviant ist auch deutlich geschrumpft.

Und dann ist alles vorbei
Die ganz Neugierigen haben am Nachmittag des ersten Tages bereits ihre Ergebnisse mit den inoffiziellen MediLearn Ergebnissen abgeglichen und sind deshalb entweder am Boden zerstört oder himmelhoch jauchzend unterwegs. Am Ende des zweiten Tages hält es dann fast niemand mehr aus und alle vergleichen ihre Lösungen. So kann man sich am Abend des zweiten Tages meist schon ziemlich sicher sein, ob es gereicht hat oder nicht. Auch die Tendenz lässt sich schon ziemlich gut abschätzen und man weiß, wie man sich auf das Mündliche einzustellen hat. Aber das ist nochmal ein ganz anderes Kapitel.

Das war es also, das erste schriftliche Staatsexamen, M1. Viel Trubel und auch viel dahinter. Die Menge an Stoff, die man wissen muss, ist überwältigend. Ob die 320 Multiple-Choice-Fragen da wirklich ein guter Indikator sind? Wenn man in den großen Fächern Anatomie, Physiologie und Biochemie Standardwerke mit jeweils mehr als 1000 Seiten Wissen durchgearbeitet hat und dann genau ein winziges kleines Detail abgefragt wird, ist das dann nicht auch ein kleines bisschen Glücksspiel? Manche haben mehr Glück, die anderen weniger. Fakt ist, dass man allein mit Glück das Physikum auch nicht bestehen kann. So sehe ich das zumindest und ich würde jedem raten, es nicht darauf ankommen zu lassen.