Landaerztin-aus-Leidenschaft

Landärztin aus Leidenschaft!

Hallo, mein Name ist Laura und ich werde Landärztin. Ja, ihr habt schon richtig gehört! Ich nehme den ganzen Stress auf mich, lerne Mikrobiologie- und Pharmakologiebücher auswendig, quäle mich zu Biochemie- und Humangenetikseminaren, um später Facharztärztin für Allgemeinmedizin zu werden und mich auf dem Land niederzulassen. Für viele meiner Mitmenschen ist das vollkommen unverständlich – für mich steht es fest, seit ich angefangen habe, Medizin zu studieren. Und wisst ihr was? Es ist dieses Ziel, das mir immer wieder die Kraft gibt, nicht aufzugeben und weiterzumachen!

Es passiert gefühlt ständig: Man trifft neue Leute, beginnt eine Unterhaltung, nach zwei oder drei Minuten wird man dann gefragt, was man so beruflich macht. Man erzählt, dass man Medizin studiert und zack – das Interesse ist geweckt! “Ist das wirklich so viel auswendig lernen?” Oder: “Darfst du auch mit an den OP-Tisch?” Ganz Mutige trauen sich zu fragen: “Siehst du auch Leichen?” Irgendwann kommt dann die Frage aller Fragen:” Weißt du schon, worauf du dich mal spezialisieren möchtest?” In weiser Voraussicht muss man dann mit selbstbewusstestem Auftreten antworten: “Auf Allgemeinmedizin”. Hier meine persönlichen Top 3 der Reaktionen:

Platz 3: “Mach doch besser Chirurgie, nach den ersten Jahren wird es dich langweilen, ständig nur Schnupfen zu behandeln.”

Platz 2: “Naja, dafür muss es ja auch Leute geben.”

Platz 1: “Allgemeinmedizin? Ach, ich dachte, man muss sich irgendwie spezialisieren?”

Ich frage mich oft, wie man eigentlich so wenig Verständnis für ein Fach haben kann. Gerade für ältere Menschen ist der Hausarzt oft IHR Hausarzt! Er weiß alles über ihre körperlichen und seelischen Höhen oder Tiefen der letzten Jahre. Und auch der junge Gesunde holt sich doch ab und an zu seinen verschiedensten “Wehwehchen” Rat. Trotzdem scheint niemand diesen Beruf wirklich zu schätzen. Es scheint einfach niemand zu verstehen, worum es in der Allgemeinmedizin wirklich geht. Es gibt nämlich genau genommen tausend Gründe, die dieses Fachgebiet so spannend und wichtig machen!

Landaerztin-aus-LeidenschaftZum Hausarzt kommt das komplette, ungefilterte Patientenkollektiv: Man sieht das gesamte Spektrum an Menschen und das gesamte Spektrum an Krankheiten. Mit jedem neuen Menschen lernt man auch eine neue Geschichte kennen. Der Hausarzt ist nicht nur der Experte für Schnupfen, sondern Experte für einfach ALLES. Er ist Wegweiser (Er sagt, was wann getan wird und überweist zu anderen Fachärzten), aber vor allem Sammelpunkt (nämlich für die komplette Lebens- und Leidensgeschichte). Das bedeutet: Er hat den Überblick. Der Hausarzt ist der erste Ansprechpartner für alle körperlichen und seelischen Probleme und ist gerade deshalb eine zentrale Vertrauensperson für viele Menschen. Er begleitet sie und lernt sie kennen. Er begleitet sogar ganze Familien und das über Jahre. Ich habe das Gefühl, dass ein Hausarzt viel stärker als jeder andere Arzt, den Patienten sieht und behandelt und nicht die Krankheit, die er hat. Und ich finde: Man gibt seine Patienten als Allgemeinarzt nicht an andere Fachärzte ab, wenn es gerade spannend wird, sondern man bekommt sie genau dann zurück! Die Allgemeinmedizin ist für mich eine sehr “ursprüngliche” Medizin. Das was man sich unter einem Arzt und unter Heilen und Helfen eben so vorstellt. Es ist Medizin ohne großen Schnickschnack mit viel Beobachtung und Kommunikation, bei der der Patient im Mittelpunkt steht. Und damit kann man so viel erreichen…

Natürlich gibt es (wie bei allen Fachrichtungen) auch Dinge, die mich am Hausarztberuf stören. Aber das Einzige was mich wirklich nervt, ist das Gefühl, sich vor Freunden, Kommilitonen und der Familie für seinen Berufswunsch erklären zu müssen! Zum Glück trifft man dann ganz plötzlich doch auf jemanden, der die Allgemeinmedizin auch für sich entdeckt hat. Und es gibt mehr davon, als man am Anfang denkt – man muss nur genau hinschauen.

Landaerztin-aus-LeidenschaftNeulich auf dem Heimweg von der Uni habe ich mich mit einer Kommilitonin unterhalten und ihre Reaktion auf meinen Zukunftspläne war so ganz anders und neu für mich! Sie hat mir erzählt, dass sie auch schon mal drüber nachgedacht hat, sich auf Allgemeinmedizin zu spezialisieren. Das ist doch ein Anfang! Oder: Vor kurzem habe ich mich aus Neugier für ein Mentoring- Programm an unserer Uni angemeldet. Mein  Mentor war einen Allgemeinmediziner, der mich direkt zu einem Gruppentreffen eingeladen hat. Ich bin ohne Erwartungen hingegangen, habe eine Gruppe von etwa zehn hoch motivierten angehenden Allgemeinmedizinern getroffen und bin überglücklich wieder nach Hause gegangen. Es war, soweit ich mich erinnere, das erste Mal in meinem Leben, das ich mich nicht rechtfertigen musste – ein schönes Gefühl. Und auch beim “Tag der Allgemeinmedizin” hat mich niemand gefragt, warum ich mich ausgerechnet für dieses Fachgebiet entscheide.

Es sind diese kleinen Geschichten, die mir zeigen, dass ich nicht alleine bin und dass es Menschen gibt, die meine Leidenschaft für dieses Fach teilen! Man findet sie immer dann, wenn man es gar nicht mehr erwartet. Beim nächsten Mal, wenn man mich nach meinem Berufswunsch fragt, werde ich deswegen wieder mit erhobenem Kopf und geradem Rücken antworten: “Ich werde Landärztin!” Und wer weiß: Vielleicht schaffen wir es irgendwann, auch den härtesten Kritiker an unserer Begeisterung teilhaben zu lassen :)!