Mission-impossible

Mission impossible!

Ich studiere nicht in der Nähe meines Heimatortes und deshalb packt mich schon immer Wochen bevor es mal wieder nach Hause geht die Vorfreude, endlich meine Familie und Freunde wiederzusehen! Viele meiner Verabredungen plane ich von langer Hand und die Auszeit zu Hause ist für mich immer etwas ganz Besonderes! Meistens fahre ich mit dem Zug. Fünf Stunden Fahrzeit, die effektiv genutzt werden könn(t)en …

Was man sich für die Fahrt vornimmt

Meine Fahrt dauert so etwa fünf Stunden – perfekt, um sich in die frisch ausgeliehen Bib-Büchern einzulesen oder seine Vorlesungsmitschriften auszupacken und zu lernen. Das kommt das Semester über nämlich in der Regel viel zu kurz und zu Hause macht mal schon gar nichts. Schließlich will man kurze Zeit für die schönen Dinge im Leben nutzen und meist ist eh schon komplett ausgebucht. Also packe ich jedes Mal aufs Neue frohen Mutes meine Unterlagen zusammen und kann mich nicht zwischen Innere und Pharma entscheiden – am Schluss nehme ich dann eben beides mit. Zeit genug ist ja, denn nach der Hinfahrt wartet noch die Rückfahrt und Platz genug ist auch, schließlich habe ich ja auch noch einen Koffer dabei.

Oh, schau mal da, ein Eichhörnchen!

Mission-impossibleDer Zug rollt los, ich krame gemäß dem Plan mein Dermatologie-Buch hervor, schlage es auf und gucke erst mal eine Weile aus dem Fenster. Irgendjemand muss den bunten Graffitis, die so mutig an das Außengeländer der Autobrücke gesprüht wurden, doch Aufmerksamkeit schenken und sich über die kleinen gelben Blüten, die zwischen dem Kraut auf den Bahngleisen wachsen, freuen.

Der Zug verlässt die Stadt und ich kann das erste Mal seit langer Zeit wieder einen Blick auf Felder, Wälder, Seen und Hügel werfen. Wer kann da schon widerstehen… Ich ermahne mich selbst und widme mich wieder dem Buch über Pigmentstörungen. Nur neun Seiten, die schaffe ich ganz schnell. Vitiligo – wie das am lebenden Objekt aussehen mag? Ich schaue mich unauffällig im Zug um. Es wäre ja möglich, dass mein Nebenmann zufälligerweise betroffen ist. Aber der steht gerade auf, um auszusteigen und ich kann nichts Auffälliges erkennen. Der Junge vor mir hört mit dicken Kopfhörern irgendein Lied, das mir bekannt vorkommt.

Mission-impossibleAuf dem Doppelsitz neben mir sitzen zwei Frauen, vielleicht so Mitte dreißig, die sich lautstark über das nicht zumutbare Outfit von “Lena” unterhalten. Was ihr wohl einfällt, so aufzutreten – und das bei ihrer Figur! Lenas modischer Fauxpas wird ausgiebig diskutiert und von allen Seiten beleuchtet… bis ihnen Franzi einfällt. Franzi geht ja schon mal gar nicht! Ich lausche gespannt ihren Argumentationen, sie ist nämlich recht unterhaltsam. Als mir das Beziehungsdrama von Michael und Katrin dann doch zu bunt wird, wende ich mich wieder meinem Buch zu.

Von Ätiologie zur eigenen Hausarztpraxis

Mission-impossibleIch bin mittlerweile bei Ätiologie angekommen. Es folgt eine lange, lange Liste vermuteter Ursachen. Da muss ich erstmal darüber nachdenken, ob ich das wirklich lernen muss und schaue zum Nachdenken aus dem Fenster. Auf einem Feld steht ein verlassen aussehendes, hübsches Bauernhaus. Da lässt es sich doch sicher gut leben, so weit außerhalb des Dorfs.

Der Gedanke spinnt sich von alleine weiter. Inzwischen habe ich das Haus quasi schon gekauft und bin bei der Inneneinrichtung angekommen. Meine Praxis baue ich auf jeden Fall in den Anbau, der früher ein Kuhstall gewesen ist. In meinem Behandlungszimmer steht ein Skelett, an dem ich meinem Famulanten seltene Krankheit erklären werde, die ich vor kurzem bei meinem Patienten diagnostiziert habe und im Keller steht ein MRT, das mir zufällig jemand geschenkt hat. Wo war ich? Achja, die Ätiologie. Ich widme mich der Ursachenliste, schließlich will ich meine Sache ja gut machen.

Mission-impossibleEine gutmütig aussehende ältere Frau fragt mich, ob sie sich neben mich setzen dürfe. Natürlich! Es ist in ihrem Alter schon ziemlich anstrengend, das mit der Bahn alles auf die Reihe zu bekommen, sagt sie. Konzentriert blicke ich zurück auf mein Buch, lese, hebe den Blick, um alles zu verinnerlichen. Sie nutzt diesen Bruchteil der Sekunde, um mich zu fragen, was ich denn da lese. Die Antwort scheint ihr zu gefallen. Sie berichtet mir von ihrer eigenen Krankengeschichte und lässt dabei auch den beruflichen Werdegang ihres ältesten Enkels und die Blumenbeete ihrer Nachbarin nicht aus.

Wie schnell die Zeit vergeht

In der Bahn erklingt eine Melodie und meine Haltestelle wird angesagt… äh, meine Haltestelle? Ich doch gerade erst losgefahren! Ich schlage hastig mein Derma-Buch zu, lasse es in der Tasche verschwinden und fasse zusammen: Vitiligo ist eine Pigmentstörung mit vielfältiger Ätiologie. Mein Heimaturlaub kann beginnen!