Tagebuch-eines-NC-Fluechtlings

Tagebuch eines NC-Flüchtlings

Was tun, wenn der Traum vom Medizinstudium einen einfach nicht los lässt, die Note im Abi-Zeugnis aber nicht ausreicht? Nach gescheiterten Bewerbungen bei Hochschulstart, Witten-Herdecke und etlichen Losverfahren habe ich eine Entscheidung getroffen: Ich werde meine Koffer packen und in Rumänien Medizin studieren!

Aber am besten stelle ich mich erstmal kurz vor: Hallo! Ich bin Dalia, 19 Jahre alt und darf mich endlich auch bald Medizinstudentin nennen! Ich bin ein klassischer NC-Flüchtling – mit meinem Abi-Schnitt von 2,5 hätte ich erst in sechs oder sieben Jahren einen Medizinstudienplatz in Deutschland bekommen. Schämen muss ich mich dafür nicht, finde ich, und das sollte keiner mit Abitur tun! Was einen guten Arzt ausmacht, ist schließlich nicht diese Zahl, sondern der Wissensdurst und die Begeisterung für das Fach, und die Bereitschaft dafür Hürden zu nehmen.

Meine Entscheidung, Medizin zu studieren, fiel mit 15 Jahren in der 10. Klasse. Damals verbrachte ich ein Jahr an einer Amerikanischen High School und belegte einige Fächer, die in Deutschland nicht angeboten werden – unter anderem auch „Human Anatomy and Physiology“. In diesem Fach wurde ich das erste Mal intensiv mit Medizin konfrontiert und es machte mir unglaublichen Spaß, dafür zu lernen. Am Semesterende kam uns ein Pathologe besuchen und brachte menschliche Organe mit, die wir untersuchen durften. Schnell stand daraufhin für mich fest: Ich möchte später Ärztin werden!

Tagebuch-eines-NC-FluechtlingsAls ich zurück nach Deutschland kam, bin ich direkt in die 11. Klasse eingestiegen. In den USA hatte ich hauptsächlich unkonventionelle Fächer belegt und hing in den hierzulande üblichen Kursen leider ziemlich hinterher. Mir wurde schnell klar, dass ich kein Einser-Abi schaffen würde, aber etwas anderes zu studieren kam für mich auch nicht in Frage. Ein Praktikum bei meinem Hausarzt bestätigte mich noch einmal in meiner Studienwahl.

Mein Weg zum Medizinstudium war und ist kein gerader, sondern wohl eher ein Hindernislauf. Und damit meine ich nicht nur das Abitur, sondern auch den finanziellen Aspekt. 5.000 Euro kostet ein Studienjahr in Rumänien, plus Bücher, Lebenshaltungskosten und und und. Meine Mutter ist alleinerziehend und ohne Bafög und Kindergeld könnte ich mir das Studium niemals leisten. Ich bin wirklich sehr dankbar, dass es diese Unterstützung gibt.

Die Bewerbungsphase in Deutschland war ziemlich frustrierend. Schon beim Ausfüllen der Bewerbung bei Hochschulstart wusste ich ja, dass ich einige Wochen später eine Absage aus dem Briefkasten fischen würde. Obwohl man durch Boni (wie FSJ, Ausbildung, Medizinertest) seine Abi-Note aufpolieren kann, waren diese für mich nicht von Bedeutung. Ich wäre mit dem maximalen Verbesserungsfaktor von 1,1 immer noch fern vom nötigen NC gewesen. Deshalb bewarb ich mich parallel noch bei der Privatuni Witten-Herdecke, wo die Chancen angenommen zu werden zwar klein sind, aber für mich immerhin besser standen als an den staatlichen Hochschulen.

Tagebuch-eines-NC-FluechtlingsAls ich die erwarteten Absagen von Hochschulstart aus dem Briefkasten zog, hatte ich mir schon einen Bundesfreiwilligendienst-Platz in einem Stuttgarter Krankenhaus gesucht. Ich wollte mir ein Jahr Zeit nehmen, um eine Lösung für mein Studienplatzproblem zu finden und freute mich darauf, Krankenhausluft zu schnuppern. Ich war auf der Unfallchirurgie und Orthopädie eingeteilt und arbeitete Vollzeit im Schichtdienst. Parallel bewarb ich mich bei diversen Losverfahren – leider erfolglos. Rückblickend war es eine anstrengende und aber auch sehr lehrreiche Zeit. Die Arbeit in der Medizin fordert viel, aber sie gibt einem auch genauso viel zurück! An manchen Tagen konnte ich mich während meiner Schicht nicht ein einziges Mal setzen und hangelte mich von Patientenklingel zu Patientenklingel. Wenn man dann aber mit Patienten, denen es wirklich mies geht, lachen und ihnen Mut machen kann, haben sich die ganzen Anstrengungen gelohnt.

Da ich in Deutschland alle Möglichkeiten ausgeschöpft hatte, habe ich mich über während meines BFDs über die Aufnahmebedingungen und die Kosten eines Medizinstudiums in anderen Ländern informiert – und zwar auf der ganzen Welt. Entschieden habe ich mich letztendlich für die Iuliu Hatieganu Universität in Cluj-Napoca in Rumänien. Im Vergleich zu anderen Unis im Osten sind die Studiengebühren hier relativ niedrig und es gibt keine Aufnahmeprüfung. Statt einem perfektem Abi legt man hier Wert auf die individuelle Motivation und die Erfahrungen der Bewerber. Die niedrigen Lebenshaltungskosten lassen die Studiengebühr wiederum nicht so erschlagend wirken. Die Bewerbung besteht aus einer sehr umfangreichen Zusammenstellung von beglaubigten, und teilweise auch übersetzten Dokumenten. Da das Studium auf Englisch ist, muss man zudem einen standardisierten Englischtest (z.B. den TOEFL-Test) machen. Trotzdem sendete ich meine Bewerbung Ende Juli relativ optimistisch ab…

Tagebuch-eines-NC-FluechtlingsAm dritten August war es dann so weit – die Liste mit den zugelassenen Kandidaten war auf der Website der UMF einsehbar… und ich war dabei!!! Hier stehe ich jetzt also, mit der Zusage meiner Wunschuni in der Tasche und kurz vor der Immatrikulation! Mein Glück, mir meinen Traum vom Medizinstudium doch noch erfüllen zu können, kann ich kaum fassen! Und die Moral von der Geschichte? Was wirklich zählt, wenn man unbedingt Medizin studieren will, sind: eine bedingungslose Liebe für das Fach und eisernes Durchhaltevermögen! Alles andere (wie Abi-Noten) machen einem das Leben natürlich leichter, sind aber am Ende doch Nebensache. Mein Rat an alle, die in der gleichen Situation sind, wie ich: Macht weiter und gebt nicht auf! Viele Wege führen nach Rom… oder ins Medizinstudium :)!