Vorbilder

Vorbilder

Vor ein paar Wochen saß ich in einem Vortrag über, ich glaube, Polypharmazie. Auch wenn mir Thema und Dozent (Ich meine, er war Allgemeinmediziner.) gerade nicht mehr ganz präsent sind, ist mir ein Satz in Erinnerung geblieben: “Ich habe Studenten nach ihren Vorbildern gefragt. Es kamen nur Beispiele, wie sie einmal NICHT werden wollen.“ Mir kommt diese Äußerung ziemlich suspekt vor. Entweder hat er die falschen Studenten gefragt oder irgendwas stimmt mit mir nicht. Ich habe sehr wohl Vorbilder! Klar kenne ich auch Ärzte, die für mich eher Negativbeispiele sind, aber ich hatte in dieser Sekunde sofort dutzende Menschen vor meinem Auge, die definitiv vorbildlich sind.

Vor ein paar Tagen wurde mir dann die Frage gestellt: „Was ist für dich eigentlich ein Vorbild?“. Dass ich sie habe, war mir klar, doch was macht ein Vorbild für mich zum Vorbild? Darüber musste ich erst mal nachdenken. In unzähligen Stunden Pflegepraktikum und Famulatur, Vorlesungen, Seminaren und Praktika laufen einem tausende Menschen über den Weg, die einem mal mehr, mal weniger freundlich irgendetwas mit auf den Weg geben wollen oder müssen. Fragt sich nur, wer von ihnen es schafft, mir im Gedächtnis hängen zu bleiben.

VorbilderNatürlich ist es beeindruckend, wenn jemand so richtig viel weiß. Trotzdem ist es nicht die Menge an Wissen, die meine Vorbilder zum Vorbild macht. Es ist faszinierend, wenn jemand Vorlesungen hält, bei denen man lachen kann und trotzdem etwas lernt. Aber nicht jedes meiner Vorbilder ist ein toller Redner. Wer mir wirklich in Erinnerung bleibt, ist derjenige, der nicht sein Wissen präsentiert, sondern sich auf meine Augenhöhe begibt, mich dort abholt, wo ich gerade stehe. Der sich nicht anhimmeln lässt, sondern der mich fragt und dem ich Fragen stellen darf. Es ist derjenige, der mir den Unterschied zwischen “So steht‘s im Lehrbuch.” und “So funktioniert‘s wirklich” beibringt und mich selber meine Erfahrungen damit machen lässt. Mein Vorbild behält sein Wissen und Können nicht für sich, sondern nimmt mich an die Seite und teilt es mit mir. Er oder sie ist derjenige oder diejenige, der oder die mich ausprobieren lässt, der oder die meine Fehler zulässt, sie mir so vor Augen führt, ohne mich zu verurteilen und dadurch beim ersten Schritt hilft, sie zu vermeiden. Der oder sie sich traut „Das weiß ich nicht!“ auszusprechen. Der oder die sich in die Karten gucken lässt. Dem oder der man vertraut, weil er oder sie einem vertraut. Mein Vorbild hat einfach Spaß an dem, was es tut.

VorbilderGenau deshalb habe ich nicht nur ein Vorbild, sondern ganz viele Vorbilder, die alle ein kleiner Teil von mir geworden sind und mich in dem, was ich tue beeinflussen. Meine Vorbilder sind nicht nur Mediziner, auch von Nicht-Medizinern kann man so viel mitnehmen! Die Sekretärin meines Doktorvaters ist mir ein Vorbild, weil sie es schafft, dass auch in stressigen Situationen jeder ein Lächeln auf den Lippen hat. Und es ist die Reinigungskraft, die dem vollkommen überforderten Assistenzarzt in Zeitnot schon hundert Mal aus der Bredouille gerettet hat, weil sie einfach auf die Menschen in ihrer Umgebung achtet. Es ist eine Frau, die mir neulich auf der Straße begegnet ist, es ist meine Familie.

Wie traurig wäre es doch, wenn man als Student keine Vorbilder zu haben! Deswegen möchte ich hier jedem Mut machen: Ja, wir Studenten haben noch Vorbilder. Es ist immer möglich, ein Vorbild für jemanden zu sein! Vielen Dank an meine Vorbilder.