Willkommen-im-Stuhlkreis

Willkommen im Stuhlkreis

Als ich letztens mal wieder so durch die Weiterbildungsordnung für Allgemeinmedizin geblättert habe, ist mir ein Punkt ins Auge aufgefallen, dem ich bis jetzt nur wenig Beachtung geschenkt habe. In der WBO steht geschrieben, dass für den Erwerb des Facharztes ein 80-Stunden Kurs “psychosomatische Grundversorgung” nötig ist. Darin enthalten sind 30-Stunden “Balint”, die nicht am Stück, sondern über mindestens ein halbes Jahr verteilt durchgeführt werden sollen. Da ich mit “Balint” jetzt nicht sonderlich viel anfangen konnte, habe ich einfach gegoogelt, was genau darunter zu verstehen ist: Eine Balintgruppe ist eine Gruppe von Ärzten, die sich trifft, um über Problempatienten zu sprechen, um eine Verbesserung der Arzt-Patienten-Beziehung zu erreichen. Achso… meine erste Assoziation: Balint ist ein Stuhlkreis, in dem wir uns gegenseitig unsere Namen vortanzen und  mit bunten Tüchern wedeln.

Um meine Vorurteile zumindest etwas abzubauen, habe ich beschlossen mit Kollegen zu sprechen, die diesen bereits durchlaufen haben. Die Berichte über die Balintgruppe in unserem Klinikum waren so positiv und ohne diversen Hokuspokus, sodass ich mich entschieden habe, einen Versuch zu wagen. Immerhin müssen da ja alle Weiterbildungsassistenten durch und die anderen vor mir haben es auch überlebt… also gesagt getan!

Balint rocks!

Pünktlich um neun Uhr stand ich also an einem Samstag vor dem Gruppentherapie-raum unserer Psychologen. Als ich den Raum betrat, musste ich kurz schlucken. Da stand tatsächlich ein Stuhlkreis! “Na, das kann ja nur besser werden”, dachte ich mir und wartete gespannt, was als Nächstes kommt. Unser Gruppenleiter entpuppte sich als sehr sympathischer Neurologe und statt unsere Namen zu tanzen, stellten wir uns ganz gewöhnlich mit unseren jeweiligen Fachdisziplinen vor. Und dann gings auch direkt los: Ein Kollege schilderte einen Fall, der ihn in letzter Zeit beschäftigt hatte. Danach berichtete jeder von seinen persönlichen Erfahrungen (die alle ziemlich interessant waren!) und ehe ich mich versah, war ich in eine Diskussion zum Thema Schuld und Sühne verwickelt. Unser Gruppenleiter, der übrigens Chef in einer Psychosomatischen/Psychiatrischen Klinik ist, schaffte es  immer wieder, unsere Diskussion mit kleinen Anekdoten oder gezielten Fragen am Laufen zu halten.

Ich komme wieder!

Willkommen-im-StuhlkreisMeine erste Balint-Sitzung war so kurzweilig,  dass ich beschloss den Rest der benötigten 30- Stunden genau dort zu absolvieren. Und auch die Folgestunden waren nicht wenige interessant: Wir erörterten Probleme mit Kollegen oder Vorgesetzten und konnten unsere eigenen Handlungen und Gefühle auf einmal besser verstehen (Wer hat denn nicht manchmal Frust und Aggression gegenüber einem gewissen Patientenklientel!). Das Sahnehäubchen: viele aufschlussreiche Tipps für verschiedene Situationen, das Gespräch mit schwierigen Patienten und Konfliktmomenten.
Mein Fazit: eine durch und durch  gelungene Veranstaltung!, Ich bin auf die nächsten Termine gespannt und kann jedem nur empfehlen, trotz möglicher Vorurteile hinzugehen und sich seine eigene Meinung zu bilden – es lohnt sich!